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20.06.2007 - Artikel
Frauenrechte und Männlichkeiten: Plädoyer für einen neuen zwischenmenschlichen und sozialen Pakt

Einige hartnäckige Clichés haben die Konferenz nicht überlebt, die am 8. Juni 2007 in Bern von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit organisiert worden war. Nicht lange hielt sich auch der Eindruck eines scheinbar trockenen Tagungsthemas: «Women’s Rights and Masculinities, other Perspectives on Gender Mainstreaming» wurde durch engagierte Beiträge mit Leben gefüllt. Denn alle Referentinnen und Referenten engagieren sich direkt für Veränderungen, die der Gender-Ansatz von Politik, Zivilgesellschaft und Einzelpersonen erfordert – in so unterschiedlichen Ländern wie Indien, Kuba, Südafrika, Vietnam und Tadschikistan.

Aleyamma Vijayan «Wir müssen uns auf allen Ebenen in die politische Debatte einschalten und unseren Anliegen Gehör verschaffen. Dabei dürfen wir die wütenden Reaktionen unserer männlichen Kollegen nicht fürchten, die nicht mit uns einig sind», erklärt auf dem Podium eine kleingewachsene, energische Frau, die einen Sari trägt. Aleyamma Vijayan ist eine engagierte Kämpferin und seit zehn Jahren Vorsitzende einer Frauenorganisation aus Kerala mit dem Namen Sakhi Women’s Resource Center. Sie hat den Ton der Tagung vorgegeben, bei der es darum geht, Frauen und Männer anzuhören, die für einen Mentalitätswandel auf allen Stufen der Gesellschaft plädieren.

Kerala: Taten statt Worte
In Kerala, ein ausgeprägt dezentral organisierter Bundesstaat Indiens, der in sozialer Hinsicht zu den fortschrittlichsten des Landes gehört, ist die Chancengleichheit von Mann und Frau seit über 20 Jahren in den staatlichen Fünfjahresplänen verankert. Damit aus Worten Taten werden, braucht es jedoch die Wachsamkeit von Frauen wie Aleyamma. Sie lassen nicht locker und sorgen dafür, dass in einer politischen Welt mit noch tief verwurzelten Macho-Traditionen gute Lösungen auch in der Praxis Fuss fassen und dass die Frauen endlich an Entscheidungsprozessen teilnehmen können, zu Beginn vor allem an solchen, die sie direkt betreffen.

«Gender-Budget» - Faktor mit Hebelwirkung für den gesellschaftlichen Wandel
Das Sakhi Center ist streng dem Bottom-up-Ansatz verpflichtet und will nahe bei den Anliegen der Frauen sein, in ihrem Lebenskontext und in Partnerschaft mit lokalen Frauengruppen. Das Zentrum beteiligt sich aber auch an nationalen und internationalen Debatten zu den Themenkreisen Entwicklung, Feminismus und Gesundheit. Zu den bevorzugten Tätigkeitsbereichen von Aleyamma und ihren Kolleginnen, die sie «Schwestern» nennt, gehören die öffentlichen Finanzen. Genauer die Rubrik «Gender Responsive Budget», das geschlechtsspezifische Budget, das in der Gesellschaft dank seiner Hebelwirkung einen echten Wandel hin zur Chancengleichheit bewirken kann. Hinter diesem sehr technischen Begriff verstecken sich nämlich wichtige Instrumente für den sozialen Wandel. Die engagierten Frauen müssen damit vertraut sein und darauf Einfluss nehmen können.

Kuba: Ein Paradigma der Männlichkeit durchbrechen
Gesellschaftlicher Wandel – dieser Begriff klingt wie Musik in den Ohren von Julio Cesar Gonzàlez Pagès, Assistenzprofessor für Philosophie an der Universität von Havanna. Der Forscher, der sich in der Zivilgesellschaft mit grossem Engagement für Männeranliegen einsetzt, hält eine Neudefinition des Männlichkeitsverständnisses für dringend notwendig in Gesellschaften, in denen dieses Verständnis vom Machismus geprägt ist. Wenn die sozialen und menschlichen Beziehungen wirklich einen Schritt in Richtung einer Gleichberechtigung vorankommen sollen, die auf gegenseitigem Respekt basiert, muss das Paradigma einer Männlichkeit gebrochen werden, das von Dominanz und damit von Gewalt geprägt ist, dem Geschwür der lateinamerikanischen Gesellschaft.

Gewalt bedeutet nicht mehr Macht, sondern weniger Zuneigung
Wir haben es also mit einer politischen Frage zu tun. «Es gilt, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, die als Machtgewinn verstanden wird», erklärt Julio Cesar. «In Wirklichkeit bedeutet dieser Männlichkeitswahn nicht ein Mehr, sondern ein Weniger, nämlich die Negierung jeglicher Emotionen. Sie löst eine tiefe Verunsicherung aus und kommt einer Verweigerung von Liebe, Solidarität und Austausch gleich.» Der Forscher betont auch, wie wichtig es für die Schaffung eines neues Männlichkeitsbilds ist, die Frauenbewegung zu verstehen. Denn der Feminismus ist entgegen der Behauptung gewisser Gegner keine weibliche Form des Machismus, sondern Wertschätzung der Diversität.

Südafrika: Männlichkeitswahn mit Folgen für das Gesundheitswesen
In einem weiteren äusserst sensiblen Gebiet – Südafrika – arbeitet Dean Peacock im Rahmen des Sonke Gender Justice Network an einer Veränderung eben dieses Paradigmas. In diesem Land hat das Ausleben eines bestimmten Männlichkeitsbilds die öffentliche Gesundheit in eine Krise gestürzt. In ländlichen Gebieten hat zum Beispiel fast jeder vierte Mann schon Vergewaltigungen begangen oder sexuelle Gewalt ausgeübt. Auch das wahllose Eingehen von Risiken ist Ausdruck dieser verunsicherten Männlichkeit, die es als Zeichen der Schwäche wertet, wenn man sich oder andere schützt. Diese Sichtweise hat für die sozialen Beziehungen namentlich zwischen Männern und Frauen eine gravierende Entfremdung zur Folge. Veränderungen sind nur möglich, wenn auf allen Ebenen der Gesellschaft gleichzeitig gehandelt wird. Dean Peacock erwähnt dabei die Zusammenarbeit mit der Regierung insbesondere für landesweite Kampagnen, die Mobilisierung der Zivilgemeinschaft und der Medien, gezielte Sensibilisierungsprogramme, den Dialog mit Frauenorganisationen sowie die Stärkung der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.

Die männliche Psyche auf dem Weg zu einer neuen Selbstdefinition
Das Sonke Gender Justice Network engagiert sich zusammen mit Partnern an der Seite von Männern und Jugendlichen und steht vor einer enormen Aufgabe. Langsam erwacht jedoch ein gewisses Bewusstsein. Heute sind 50% der südafrikanischen Männer der Ansicht, dass die Regierung mehr gegen die Gewalt gegen Frauen unternehmen sollte. Schrittweise findet die Vorstellung Eingang in die männliche Psyche, dass Gewaltverzicht Ausdruck von Männlichkeit ist, dass Stärke zeigt, wer andere respektiert und schützt und dass Beziehungen glücklich machen können, die von Gleichberechtigung und Liebe geprägt sind.

Vietnam: Begleitung im Alltag
Es geht bei dieser Sensibilisierungsarbeit um einen langen Prozess, der sein Ziel nur erreichen kann, wenn er bis auf die Stufe des Einzelnen hinunterreicht. Dies hat Nguyen Than Giang ausführlich dargelegt. Sie ist Mitarbeiterin bei der DEZA in Vietnam und hat Einblick in ein Zusammenarbeitsprojekt gewährt, bei dem Männergruppen im alltäglichen Umgang mit Wut begleitet werden. Die Sensibilisierung erfolgt durch Zuhören, symbolische Darstellungen oder Rollenspiele.

Tadschikistan: Gewaltiger Rückschritt
Shahrigul Amirjanova, Vertreterin der DEZA in Tadschikistan, hat in einem aufwühlenden Beitrag daran erinnert, dass die Mann-Frau-Beziehung immer ein Spiegel der politischen Situation ist. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat sich die Situation der Frauen in Tadschikistan markant verschlechtert. Das kleine, rohstoffarme Land erlebte eine Rückkehr zu Feudalismus und Polygamie, die Frauen spielen in der Gesellschaft nur noch eine untergeordnete Rolle. Wenn es noch einen Beweis dafür brauchte, wurde er hier geliefert: Die Genderdiskriminierung ist nichts anderes ist als eine Missachtung der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit zum Schaden der gesamten Gesellschaft.

Gender – Querschnitt- und Schwerpunktthema der DEZA
«Beim Begriff Gender denkt man zu Unrecht häufig nur an die Frauen», bemerkt Annemarie Sancar, die bei der DEZA auf das Thema spezialisiert ist. Deshalb war es für uns sehr wichtig, die Themen Frauenrechte und Männlichkeiten in Verbindung zu bringen und Einblick in die Erfahrungen von Männern zu erhalten, die andere Männer im Kampf gegen Benachteiligungen begleiten.» Beide Geschlechter in die Debatte und die Entscheidungen einzubinden, sieht Beate Wilhelm, Vizedirektorin der DEZA, als absolute Priorität. Aus diesem Grund ist das Querschnittthema Gender Bestandteil aller Aktionen und Strategien der DEZA.

Weiterführende Informationen und Dokumente