23.06.2009 - Artikel
«Die Diaspora spielt eine zentrale Rolle für die Entwicklung»
Traverse-Interview
Jean-Arnault Dérens, Autor und Chefredaktor des «Courrier des Balkans» und Bashkim Iseni, Politikwissenschaftler der Uni Lausanne
| Im Kosovo hat sich seit der Unabhängigkeitserklärung vor 16 Monaten politisch und wirtschaftlich wenig bewegt. Über die Ursachen diskutierten im Rahmen der DEZA-Traverse vom 12. Juni Jean-Arnault Dérens (Chefredaktor des «Courrier des Balkans») und Bashkim Iseni, Politikwissenschaftler an der Uni Lausanne von albanisch-mazedonischer Herkunft. Ihr Fazit: Ohne klare europäische Perspektive wird die Unsicherheit im Kosovo anhalten und die interethnischen Beziehungen gespannt bleiben. | ![]() |
Interview: Thomas Jenatsch und Cyril Werndli
Welche Bilanz ziehen Sie eineinhalb Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung Kosovos?
Jean-Arnault Dérens: Der Kosovo wird nur von sechzig Staaten anerkannt. Das Land ist abgesehen von der Aufnahme in den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank von den grossen internationalen Institutionen ausgeschlossen. Man weiss eigentlich nicht wirklich, was der Kosovo ist. Ist es ein Staat? Der Kosovo betrachtet sich selber als einen Staat. Diese Situation ist weder angenehm noch praktisch, wenn gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung angekurbelt und ein vertrauenswürdiger, gut funktionierender und demokratischer Staat aufgebaut werden soll. Es wurde eine Situation geschaffen, die weder für den Kosovo noch für die übrige Region gut ist.
Bashkim Iseni: Am Vorabend der Unabhängigkeitserklärung Kosovos warnte die Opposition vor einer erneuten und massiven Destabilisierung. Ich habe eher eine gegensätzliche Dynamik festgestellt. Die Unabhängigkeit hat zu keinen Katastrophen geführt. Natürlich gibt es noch ungelöste Probleme, insbesondere die Frage der Anerkennung. Dennoch: Unter den sechzig Ländern, die den Kosovo anerkannt haben, befinden sich die grossen westlichen Mächte.
Eines der Argumente für die Unabhängigkeit war die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. Weshalb kam er nicht?
Jean-Arnault Dérens: Einerseits hatte der Kosovo Pech, denn er rief seine Unabhängigkeit nur einige Monate vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise aus. Anderseits bin ich nicht sicher, ob dieser Territorialstatus so ausschlaggebend ist für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Denn es stimmt nicht, dass mit der Unabhängigkeit alle Probleme aus dem Weg geräumt wurden. Die Unsicherheit stellt ein wesentliches wirtschaftliches Hindernis dar. Seit der Unabhängigkeit hat sich die Gefahr einer Spaltung des Kosovos zugespitzt. Heute sind wir noch weiter entfernt von einer Integration der serbischen Regionen als vor zwei Jahren.
Wie sieht die Situation der Minderheiten im Kosovo aus?
Jean-Arnault Dérens: Es ist auf jeden Fall eine Verschlechterung festzustellen. Die serbisch-albanischen Beziehungen gestalten sich heute noch schwieriger als vor der Unabhängigkeit. Die verschiedenen Gemeinschaften driften weiter auseinander. Bis zur Ausrufung der Unabhängigkeit war eigentlich nichts klar geregelt. Was die übrigen Minderheiten – Roma, Türken usw. – betrifft, gibt es auch keine Verbesserung. Die internationale Gemeinschaft verfolgte in den letzten zehn Jahren nie eine kohärente Politik, die zu einer Lösung dieser Problematik beigetragen hätte. Es war eine Politik rein rhetorischer Natur. Man kann folglich dem Kosovo nicht vorwerfen, er hätte für diese Minderheiten nichts unternommen. Vor diesem Hintergrund können keine Wunder erwartet werden.
Wie sollen die Probleme angepackt werden?
Bashkim Iseni: Für den Kosovo stellt die wirtschaftliche Entwicklung die grösste Herausforderung dar. Seit der Unabhängigkeit wurde auf nationaler Ebene immerhin eine konsequente Linie verfolgt; namentlich was die Infrastruktur anbelangt, die entweder veraltet war oder überhaupt nicht existierte. Überall im Land werden die Strassen asphaltiert. Mit der Öffnung der Autobahnstrecke zwischen Tirana und Pristina werden beispielsweise neue Absatzmöglichkeiten geschaffen. Auch in soziopolitischer Hinsicht gibt es Bemühungen von Seiten der Regierung Kosovos, nicht ein multiethnisches Kosovo zu fördern, sondern ein bürgernahes Kosovo. Der Kosovo will sich aus seiner Isolierung befreien, aber der Mangel an klaren europäischen Perspektiven erschwert den Modernisierungs- und Normalisierungsprozess. Viele erwarten ein stärkeres Engagement der Europäischen Union, damit im Kosovo ein echter Transitionsprozess in Gang gesetzt wird.
Welche Rolle könnte die Diaspora für die Zukunft Kosovos spielen?
Bashkim Iseni: Die Diaspora ist gegenwärtig im Umbruch. Wir haben es heute nicht mehr mit dem traditionellen Muster einer Diaspora zu tun, die regelmässig Geld an die zurückgebliebenen Familien schickt. Heute liegt der Fokus eher auf einer Gemeinschaft, die sich längerfristig auf ein Leben in der Schweiz einrichtet. Die kosovarische Regierung ist sich nicht bewusst, dass die Diaspora aus wirtschaftlicher Sicht ein äusserst interessanter Entwicklungskatalysator darstellt. Auf politischer Ebene wird nichts unternommen, um die Diaspora zu ermutigen.
Was könnte die Schweiz in dieser Hinsicht unternehmen?
Bashkim Iseni: Die Schweiz könnte gegenüber der Diaspora eine wichtige Rolle spielen, indem sie sie in Zukunft gezielter und sinnvoller unterstützt, sei es durch die Vermittlung von technischem Know-how, Beratung oder Investitionen. Ich bin überzeugt, dass die Diaspora eine wichtige Stütze bei der Entwicklung sein könnte. Heute sollte nicht mehr nur die Solidarität im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die gemeinsamen Interessen zwischen dem Herkunftsland und der Diaspora.
Der Kosovo im Jahr 2025 – wie sehen Sie seine Zukunft?
Jean-Arnauld Dérens: Der einzig gangbare Weg für den Kosovo und die Gesamtregion ist die Integration. Ich sehe hier zwei Hypothesen. Die optimistische Hypothese: Ein Kosovo als Teil einer in der Europäischen Union integrierten Balkanregion. Es ist die Rede von einem Kosovo, der seine Beziehungen mit Serbien völlig normalisiert hat und als wirtschaftliche Drehscheibe zwischen Serbien und der Adria fungiert. Es gibt aber auch eine pessimistische Hypothese: Wenn Europa nicht in der Lage ist, politische Vorschläge und Innovationen zu schaffen, wird der Balkan in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren vom Integrationsprozess ausgeschlossen sein. Aus meiner Sicht wird da nichts Gutes zu erwarten sein. Eine wirtschaftliche Entwicklung des Kosovos wäre kaum vorstellbar. Heute schliessen beispielsweise jedes Jahr 40000 junge Menschen ihr Studium ab ohne jegliche Perspektive auf eine Anstellung. Welche Möglichkeiten bleiben diesen jungen Menschen? Nebst Migration und Exil wohl nicht viele.
Was können wir unternehmen, um dies zu verhindern?
Bashkim Iseni: Viele Dinge hängen natürlich von der Europäischen Union ab, aber nicht nur. Ich glaube, dass der Weg der Versöhnung grösstenteils von Entwicklungsstrategien abhängt, die auf lokaler Ebene umgesetzt werden. Zu den grössten Sorgen der serbischen, kosovarischen und albanischen Bevölkerung im Kosovo zählen die Armut und fehlende Arbeitsplätze. Hier muss angesetzt werden, um einen nachhaltigen Frieden zu schaffen und das Ziel einer Versöhnung der ethnischen Gruppen auf dem Balkan auf der Grundlage von gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zu verwirklichen.
Weiterführende Informationen und Dokumente
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